Schluss mit Warten

Wie man seine Lebensqualität ums Dreifache steigert, mindestens. Täglich erledigt man immer wieder Aufgaben, die einem einfach keinen Spaß machen und trotzdem erledigt werden müssen. Diese Haltung ist noch nicht mal besonders selten. Jeder erledigt täglich routiniert viele Dinge, welche einem nicht die liebsten sind – die meisten können ein Lied davon singen. Das reicht von größeren Aufgaben bis zu ganz kleinen, eher unwichtigen Details, die gemacht werden müssen, aber die im Grunde langweilig, unspektakulär, oder langwierig sind. Notwendig, aber öde.

Als erstes ist es wichtig sich von der romontischen Vorstellung, dass „viele schöne Erlebnisse = glückliches Leben“ zu verabschieden. Currently: Berlin, next: Bombay, neue Designer-Bag/Schuhe, frische Rosen und Champagner, neues Heim, tolles Event, großartiger Urlaub, noch ein tolles Event, Datenight mit dem Traumpartner, wieder ein Urlaub, neues Kind, neues Möbelstück, ein Highlight jagt das nächste – so in etwa stellen die Social Media-Accounts die Idee eines erfüllten, glücklichen Lebens vor. Schnöde Alltagsdetails nicht inbegriffen, das gehört einfach zur Natur der Sache – ein bisschen beeinflußen kann das einen dennoch.

Es stimmt nicht, dass ein glückliches Leben eine Aneinanderreihung aus spektakulären, außergewöhnlichen, abenteuerlichen, unglaublich inspirierenden oder Aufsehen erregenden Augenblicken ist. Das ist einfach nicht wahr.

In absolut jeder Lebensphase, jeder Situation, jedem Job gibt es einige ätzende Details, um die man sich kümmern muss. Kümmert man sich nämlich nicht darum, ist der Misserfolg vorprogrammiert, und das Business ganz schnell out of the Making. Egal, wie berufen man für seine Berufung ist: es wird darin immer einiges vorkommen, dass einem einfach grundsätzlich nicht liegt.

Es kann natürlich sein, dass man irgendwann so viel Geld verdient, dass man für alles unangenehme andere bezahlen kann, die das viel effektiver und sogar lieber als man selbst für einen erledigen. So lange das aber noch nicht der Fall ist – muss man eben die Zähne zusammenbeißen, und durch. Und so lange man nicht von einer Reise-Destination zur nächsten hüpfen, und keinen zum Staubsaugen beauftragen kann – da überwindet man sich, obwohl man keine Lust hat, und zählt die Tage bis zum Urlaub.

Unlust ist leider auch eine Energie. Dass einem manche Tätigkeiten mehr liegen als andere: ganz normal. Dass man bei den eher unangenehmen Pflichten Unlust empfindet: nicht normal. Zugegeben, es wird als normal akzeptiert. Wer darf eigentlich festlegen, bei was man Lustlosigkeit oder Abneigung empfindet? Wer darf darüber bestimmen, was einem Spaß macht, und was nicht? Es gibt so viele Pflichten und so wenig Belohnungen!

Und ich habe für mein Leben festgelegt, dass ich nicht nur dann einen „großartigen Abend“ hatte, wenn ich mich belohnen konnte. Und nicht nur dann einen „perfekten Tag“, wenn ich Dinge tat, die mir eh‘ Spaß machen. Ich habe beschlossen, dass es für mein Leben für jeden Augenblick gelten soll, mir ist meine Zeit für Unangenehmes einfach viel zu schade!

Auf den Abend, das Wochenende, den Urlaub, das nächste Highlight zu warten, kommt mir absolut unpassend vor. Was für eine Verschwendung von Lebenszeit, wenn es doch so viele Notwendigkeiten gibt, die so oder so getan werden müssen. Der Weg daraus ist also nicht: Pflichten minimieren, Belohnungen steigern. Der Weg daraus heißt: absolut jeden Augenblick zu genießen.

Lustlosigkeit ist eine Energie – keine logische, natürliche Folge unangenehmer Dinge, die man tun muss. Man darf sie natürlich behalten, dulden, und weitere 10 Jahre Essen kochen, obwohl man darauf keinen Bock hat – aber man kann sich genauso gut von Lustlosigkeit verabschieden.

Man darf selbstverständlich so viel meckern und sich beschweren, und weiterhin sich nach dem Feierabend sehnen, so viel man mag – man muss nur wissen: alles davon ist das eigene Leben. Nicht nur der Feierabend. Auch der Rest. Das eigene Leben wohlgemerkt – und dafür hat man alleine die Verantwortung. Und Verantwortung haben, bedeutet immer: die Wahl haben. Entweder weiterhin alles ätzend finden, oder eine Entscheidung treffen. So oder so, es gibt nichts dazwischen. 

Schluss mit Warten. Die meisten verbringen ihr ganzes Leben im Wartezimmer.

Sie warten auf den Feierabend, und auf die nächste Staffel der Lieblingsserie. Sie warten auf das Wochenende, auf den Umzug, und auf den Jahresurlaub. Sie warten, bis sie schwanger sind, dann warten sie auf das zweite Kind, und dann, bis die Kinder größer sind, weil sie dann mit ihnen viel mehr unternehmen können, und später warten sie, bis die Trotzphase und Pubertät vorbeigeht, und bis die Kinder ausziehen. Sie warten auf ihren Geburtstag, und auf die nächste Bundesligasaison. Sie warten, bis sie den Auftrag endlich abgeschlossen haben, und dann warten sie auf den nächsten. Sie warten auf den Traumpartner, und dann auf den Antrag, und dann darauf, dass der Partner sich ändert. Sie warten auf den besseren Job oder auf Ruhm und Fame, oder dass das Studium geschafft ist. Sind sie im Zug, warten sie aufs Ankommen, und im Café warten sie, bis die Verabredung endlich erscheint, im Supermarkt, bis sie in der Schlange endlich dran sind, und beim Zähneputzen, bis das Zähneputzen endlich zu Ende ist.

Ein Glück gibt es Smartphones, die einem die Zeit auf’s Warten vertreiben – sonst würde man womöglich merken, dass man ständig wartet. Ich will das nicht. Ich will nicht auf den Abend warten, weil dann Besuch kommt, oder auf den Sonntag, weil da mein Lieblingsflohmarkt stattfindet. Das ist einfach unter meiner Würde.

Das Wochenende zum Beispiel macht grob gerechnet 1/3 der Woche aus – also 1/3 deines Lebens insgesamt. Wenn man also ab sofort nicht mehr auf’s Wochenende wartet, sondern in jedem Augenblick so lebt und genießt, als ob er der Schönste und Intensivste wäre, dann steigert man seine Lebensqualität auf einen Schlag ums Dreifache. Ums Dreifache. Einfach so, obwohl kein Highlight stattfindet, man nichts erbt, keine wunderschöne WhatsApp bekommt, und auch sonst alles an Umständen gleich bleibt.

Man hat bereits, was man will. Wenn man nicht mehr warten oder lustlos irgendwelche Dinge erledigen will, dann kann einen keiner dazu zwingen. Keiner kann machen, dass man sich lustlos fühlt, wenn man sich nicht lustlos fühlen will. Keiner kann machen, dass man sein Leben im Wartezimmer verbringt, wenn man nicht ständig auf das nächste Highlight warten will.

Aber man sollte sich nichts vormachen, denn den meisten ist dieser Lifestyle so sehr vertraut, dass es einem nicht einmal auffällt! Und genau deswegen muss man ganz bewusst eine Entscheidung treffen. Man entscheidest sich also: „Ich genieße absolut jede Sekunde meines Tages – und warte nicht, bis die unangenehme Aufgabe endlich vorbei ist. Ich will überhaupt nicht mehr warten. Auf nichts mehr.“

Und dann wird einem erstmal ständig auffallen, wie viel einem unangenehm ist, und wie oft man wartet! Und das ist das allerbeste Zeichen überhaupt, und ein sehr sicheres Indiz dafür, dass die Veränderung gerade losgeht. Es wird garantiert einige Zeit brauchen, bis es einem ins Fleisch und Blut übergeht. Sobald man sich also dabei ertappt, wird man wieder eine Entscheidung treffen: genau jetzt und in dieser Situation zu genießen, und zwar so sehr, wie man nur kann.

Die Aufgabe kann überhaupt nichts dafür, dass man sie ätzend findet – man kannst sich einfach dafür entscheiden, sie nicht ätzend zu finden. Wenn es an der Situation wenig bis nichts Attraktives gibt, genießt man einfach: Sich selbst.

Egal, wie lahm, unattraktiv oder mühsam eine Aufgabe ist, man muss sich immer wieder bewußt machen, dass es immer und überall schön ist.

Und auch, wenn das ungewohnt, oder sogar befremdlich klingt – darin steckt ganz viel Tiefe. Man selbst wird es immer und in jeder Situation dabei haben: in den schönen Highlights, und in den augenscheinlich langweiligen, unspektakulären Dingen. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar dafür, dass man nur die tollen Erlebnisse genießt. Oder auf das nächste großartige Ereignis wartet, und sei es nur das Treffen mit dem besten Freund heute Abend. Jeder kann jetzt entscheiden, dass die Zeit bis man seinen Freund trifft, die allerschönste und beglückendste ist. Ohne ständig auf die Uhr zu schauen, wann es denn so weit ist. Auf einen Schlag wird man unendlich mehr Lebensqualität haben!

Also die Dinge einfach genießen – immer!

2 Kommentare zu „Schluss mit Warten“

  1. Ein ehrlicher und treffender Beitrag. In unserer schnelllebigen Welt, geht das Gefühl für das hier und jetzt verloren. Wir hetzten von einer Sache zur anderen, anstatt auch mal inne zu halten und in sich zu fühlen, was jetzt in diesem Moment gerade mit uns los ist. Eine Achtsamkeit mit sich selbst. Wir sehen oft nur, was wir gerade nicht haben, als das zu Wertschätzten was wir an Reichtum (Partner, Freunde, Wohnung, Arbeit und essen) unser eigen nennen.

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