Happy Birthday

Vor ein paar Tagen feierte ich meinen Geburtstag und das war so cool. Denn nach einem Termin saß ich mittags mit zwei Freundinnen im Il Boccone in Konstanz, genossen unser Lunch und erzählten uns gegenseitig die Highlights und Pannen der vergangenen Geburtstage. Diese Geschichten, wenn das Geburtstagskind vor lauter Aufregung die ganze Feierei nicht mehr erträgt, heulend zusammenbricht, und alle seine 4-Jährigen Gäste anschreit oder Gäste bzw. Familie einfach durchdrehen. Das ist im Nachhinein übrigens sehr, sehr lustig. Allerdings wirklich nur im Nachhinein, wie meine eigene Geschichte, die ich seit Jahren vergessen habe, und die mir plötzlich wieder einfiel. Denn lustig fand ich das an diesen Tagen nicht, es war echt schwierig.

Eine Leidensgeschichte, wohlgemerkt, denn früher gab es für mich keinen schlimmeren Tag im Jahr als meinen eigenen Geburtstag. Ich hatte bereits eine Woche davor riesige Angst vor dem Tag, fand meistens alles doof und brauchte zwei weitere Tage, um mich davon zu erholen. Kein Scherz! Das Ganze war ein widerliches Gemisch aus nicht genau definierbaren Erwartungen meinerseits, wie der Tag zu sein hatte und der garantierten Enttäuschung bzw. der Angst vor ebendieser. Ich kann noch nicht mal genau sagen, was ich alles erwartete, jedenfalls war alles falsch, alles zu wenig, alles zutiefst deprimierend und vor allem Dingen ein einziger Krampf. Und was für ein Frust für alle Beteiligten, inklusive meiner Familie! Denn egal, was sie taten – es war ja doch alles falsch, alles zu wenig, usw. Das alles machte einen Selbst so unfrei und unglücklich.

Auch wenn ich immer noch das Geburtstagskind bin, dass sich wahnsinnig über tolle Geschenke freut. Ich liebe es einfach Geschenke auszupacken, ich zelebriere das regelrecht. Das Highlight ist dann eine Marzipantorte mit einer coolen Füllung, auch wenn ich sonst nicht der Kuchentyp bin, das muss sein. Und Blumen, besonders Sonnenblumen, die gehören einfach dazu. Ja, ich liebe dieses ganze Paket und ich habe das immer wieder erwartet. Besonders habe ich aber erwartet, dass die Menschen, die ich liebe an diesem Tag an meiner Seite sind und mit mir feiern. Doch genau diese Erwartungen sind dann immer wieder gescheitert. Nie kam es so, wie ich es mir gewünscht habe und irgendwann habe ich es gehasst Geburtstag zu haben. Oft habe ich einfach nur gearbeitet und den Tag einfach vorbeigehen lassen.

Doch mit der Zeit hat sich das verloren und die Dinge haben sich inzwischen neu entwickelt. Diesmal habe ich mich riesig auf meinen Geburtstag gefreut und war so aufgeregt und vergnügt wie eine 5-Jährige, die nicht nur alles bekommt, was sie sich gewünscht hat, sondern ein regenbogenfarbenes Einhorn obendrauf. Lustigerweise gab es gerade dieses Jahr nichts großartig Aufregendes und Überraschendes, denn eigentlich hatte Keiner wirklich Zeit und auch die Familie war weit weg. Aber das tat meiner Freude keinen Abbruch, ganz im Gegenteil! Ich verbrachte den Tag am See und ließ es mir einfach gutgehen. Ich kaufte mir selbst ein wunderschönes Geburtstagsoutfit und Geburtstagsunterwäsche. Mit den Mädels ging es Mittagessen und anschließend zum Segeln auf den See, bei strahlendem Sonnenschein. Ich freute mich über jeden einzelnen Glückwunsch wie ein Schneekönig und hätte mir am liebsten eine Glitzerkrone mit „Birthday Girl“ aufgesetzt.

Das Wetter war so traumhaft, dass ich einfach am See blieb, schwimmen ging und mit einem alten Freund den Abend genoss. Es war traumhaft und einfach entspannt. Ich war einfach nur dankbar. Nicht nur wegen dem Tag in Konstanz, dem Segeln oder den Mädels, sondern dass es mich überhaupt auf dieser Welt gibt. Oh man, was ein Glück!

Ich bin überzeugt davon, dass viele von den eigenen Vorstellungen so gefangen sind, dass sie bei Dingen, die nicht so laufen, wie sie es sich eben wünschen, zutiefst deprimiert sind. Das kann wie in meinem Fall nur ein einziger Tag wie der Geburtstag sein und wenn man ehrlich ist, weiß man, dass es nur dieser eine Scheißtag ist. Das überlebt man schon.

Es kann aber auch der eigene Hochzeitstag sein, denn da hätte es nämlich mehr Blumen gebraucht. Und der Bräutigam hätte eine gefühlvolle Rede vorbereiten sollen. Und außerdem hätte die Hochzeit wie auf sämtlichen Wedding-Blogs von einem zarten Unschärfe-Schleier von vorne bis hinten mit romantischer Atmosphäre umweht worden sein sollen. Leider war sowohl die Rede, als auch Unschärfe dem Bräutigam scheißegal, und nun sitzt man da und heult. Und ist davon überzeugt, ein Arschloch geheiratet zu haben.

Oder man hat so eine Art Lebensentwurf, und der kommt nicht so zustande, wie man sich das idealerweise gewünscht hat, denn man wollte mit 30 Jahren bereits 2 Kinder haben, und ein Reihenhaus mit einem zur Couch farblich passenden Labrador. Nun stellt sich heraus, dass man keine Kinder bekommen kann. Oder der Mann ist fremdgegangen, und man wird geschieden. Oder geht pleite, oder verliert den Job, oder hat selbst mit 40 noch weder Haus, noch Mann, noch einen Dackel. Oder es passiert etwas Unerwartetes und alles, was man denken kann, ist, dass man sich das so definitiv nicht vorgestellt hat. Man sich das aber ganz anders gewünscht hat oder es einfach anders laufen sollte. Jetzt sitzt man eben da und ist todunglücklich.

Deshalb scheiß drauf. Wenn du dir nichts Konkretes vorstellst, sondern beschließt, alles zu genießen, ganz egal, was kommt – dann kann dich keine Wunschvorstellung limitieren.
Das war sowieso viel zu klein gedacht – für dich passt nur Freiheit in jedem Bereich, sonst nichts. Und das beinhaltet auch Freiheit von irgendwelchen Lebensentwürfen, im Großen und Kleinen, und die Möglichkeit, ganz unabhängig davon jede Sekunde zu genießen.

Diese Freiheit bedeutet auch, dass man auf einmal von den schönsten Dingen überrascht wird, ohne vorher gewusst zu haben, wie schön sie sind – wie mit einer spontanen Einladung zum Segeln für’s Birthday Girl. Man sich einfach nur drauf einlassen und Spaß haben.

Happy Birthday to me!

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