Das Aschenputtelprinzip

Jeder von uns hat schon einmal einen Film über Aschenputtel gesehen oder ein Buch darüber gelesen.

Cinderella ist passiv. Wir alle kennen die Story. Cinderellas Vater stirbt unerwartet früh und auf der Stelle entpuppt sich die Stiefmutter als der Hausdrachen, der die eigentliche Erbin des Anwesens zum Dienstmädchen degradiert. Im Film handelt Cinderella getreu dem Lebensmotto, welches ihre Mutter ihr auf dem Sterbebett hinterließ, hab Mut und sei freundlich. In Cinderellas Fall heißt es aber eher, sei der Fußabstreifer von allen. Obwohl die Stiefmutter täglich das Mädchen mehr und mehr demütigt, lässt Cinderella ohne große Widerworte alles über sich ergehen.

Im eigenen Leben bedeutet das aber, dass Freundlichkeit und Güte nichts mit Opferrolle oder Selbstaufgabe gemeinsam haben. Denn das ist im Grunde ist es moderne Sklaverei. Wenn die anderen einen erniedrigen, um sich selbst zu erhöhen und auf diese Kosten ihr Leben leben, dann ist es auf jeden Fall der falsche Ort für einen Selbst. Es ist die falsche Gesellschaft, denn dort hat man absolut nichts verloren. Sei es ein Arbeitsverhältnis, eine Beziehung oder familiäre Verhältnisse.

Die Wahrheit ist, dass sich nichts ändern wird, wenn man nicht selbst herausgeht. Nichts. Keine Fee wird erscheinen, keine Maus strickt etwas für einen, kein Prinz kommt angeritten.

Du bist frei. Nichts kann dich an einem Ort halten, an dem du nicht mit Wertschätzung und Liebe behandelt wirst. Du kannst keinen verantwortlich machen – und schon gar nicht die Stiefmutter. Alles zu ertragen, ist kein bisschen mutig. Mutig bedeutet, einen Schritt aus dieser Abhängigkeit zu tun und dann nie mehr zurück zu schauen. Das ist mutig. Und es ist das einzige, was zu dir passt.

Und nicht ein stilles Heulen in der Ecke, weil die Welt so böse ist, obwohl du „immer alles gegeben hast“, und „es immer nur gut gemeint hast.“ Passivität ist eine Energie, die einen klein hält und einen des eigenen Potenzials beraubt – es sind nicht die Menschen. Es ist die passive Haltung. Nur Freiheit und Stärke.

Cinderella lebt in der Vergangenheit. Das Mädchen wird von einer ehemaligen Dienstmagd gefragt, warum sie das Anwesen nicht verlässt und damit das sklavenähnliche Verhältnis zur Stiefmutter beendet – da es ihr offensichtlich dort so schlecht geht. Ihre Antwort lautet: „Weil ich weiß, wie sehr meine Eltern dieses Haus geliebt haben.“

Auch im späteren Verlauf des Films gibt sie sich damit zufrieden, auf dem Dachboden eingesperrt zu bleiben und in den Erinnerungen an den Ball zu schwelgen – sie unternimmt nicht den kleinsten Versuch, ihre Situation zu verändern. Lieber weilt sie gedanklich in der Vergangenheit, weil es „die schönste Zeit ihres Lebens“ war.

Erinnerungen an früher braucht man null. Denn man geht selbstverständlich davon aus, das jeder Augenblick des Lebens immer frisch, immer neu, immer inspirierend ist und deshalb konzentriert man sich mit allem, was man ist, auf die Gegenwart. Immer. Laufen die Gedanken in die Vergangenheit, dann pfeift man sie auf der Stelle zurück, genauso wie einen Hund, der zu weit in den Wald hineinläuft. Man erlaubt sich keine Ausflüge ins Gestern, kein Schwelgen in den letzten 10 Jahren, kein melancholisches Verweilen in den früheren Tagen. Mögen sie auch noch so schön und ich so jung gewesen sein.

Das hat zwei Gründe, denn in der Vergangenheit kann man nichts verändern. Egal, wie schlimm oder schön etwas war, es ist bereits vergangen. Man hat keine Möglichkeit, auch nur das kleinste bisschen, etwas daran zu ändern – so sehr man es sich wünschst! Es ist also quasi verbrauchte Energie, in die man seine neue Energie investiert. Nachher malt man sich alles noch schöner aus, als es tatsächlich war. Gott bewahre!

Außerdem macht man es eben so. Take this! Manchmal muss man einfach vertrauen, auch wenn das Hirn nicht alles nachvollziehen kann. Will man den Weg gehen, dann heißt es, hier geblieben und nicht nach hinten geschaut. Es wird eh immer schöner, immer stärker, immer freier. Da braucht man die Vergangenheit nicht.

Ja, es stimmt, die Vergangenheit hat einem zu dem gemacht, was man heute ist. Aber es geht nur weiter, wenn man das als gegeben annimmt und sich auf die Zukunft konzentriert. Mal kurz innehalten und schauen was man alles erreicht hat ist okay, aber dann tritt man sich wieder in den Hintern und weiter geht’s.

Deine Entscheidung, deine Verantwortung. Aber heul‘ nicht rum, dass die Stiefmutter so böse war.

Ach ja, das bringt mich direkt zu nächsten Punkt, denn Cinderella ist entsetzt über die Bosheit anderer. Es gibt eine Stelle zum Ende des Films, als Cinderella ihre Augen entsetzt aufreißt, und die Stiefmutter absolut verwundert fragt: „Warum bist du so grausam?“

Das war meine liebste „Kopf-Tisch“ – Situation im Film, „warum bist du so böse zu mir?“ Ich habe dir doch nichts getan? Ich war doch stets lieb und du dankst es mir nicht? Wie kann man nur so gemein sein?

Das ist im wahren Leben auch so, denn die Welt ist böse und es gibt darin viele Arschlöcher.  Wer das Gegenteil glaubt, der lebt in einem Märchen. Ne, es ist keinesfalls „alles Liebe, jeder Mensch, jedes Tier, jeder Baum.“ – das ist nur so ein esoterisches Geschwafel.

Wir sind nicht auf diesem Planeten, um Arschlöcher zu gewinnen, ihnen hinterher zu laufen oder es ihnen recht zu machen! Es gibt so viele Menschen, die einen lieben, wertschätzen und unendlich dankbar dafür sind, Zeit mit einem verbringen zu dürfen. Deshalb verschwende keinen einzigen Gedanken an die Arschlöcher. Keine Person der Welt ist es Wert, dass man sich von ihr schlecht behandeln lässt. Keine.

Also braucht man nicht verwundert sein, wenn er oder sie mal wieder „so gemein“ zu einem ist, obwohl man „nur das Beste für sie“ wollte. Das Beste ist, wenn man nicht länger in der Nähe der miesen Energien ist. Das zieht einen nur runter. Da draußen gibt’s eine Welt, die nur auf einen wartet – voller neuer Chancen, Möglichkeiten und Abenteuer. Also heul nicht rum, wie gemein jemand zu dir war und sei nicht entsetzt darüber, sei einfach dankbar.

Der letzte Punkt ist, dass sich Cinderellas Leben durch einen Zufall verändert. Denn sie reitet in den Wald und rein zufällig begegnet sie dort dem Prinzen auf der Jagd. Die Stiefmutter verbietet ihr, auf den Ball zu gehen und rein zufällig erscheint eine Fee, die alles klar macht, Outfit, Styling und Transportmöglichkeiten inbegriffen. Was tut Cinderella dafür? Nichts. Reiner Zufall. Glück eben.

Manche haben eben Glück, oder? Und manche schon wieder Pech, da kann man nichts machen, stimmt’s? Wenn man darauf wartet, dass eines Tages eine Fee erscheint und einen aus seiner langweiligen Misere herausholt, dann kann man sich schon mal für die Hauptrolle der nächsten Dornröschen-Verfilmung bewerben. Nichts wird sich ändern, wenn man nicht eine Entscheidung trifft.

Die wenigsten Dinge sind Glück – dieses „auf einmal kam ein Prinz und alles wurde anders.“ Allen Veränderungen geht eine innere Entscheidung voraus – eine Art Bewusstsein, das etwas anders werden soll. Die Art, wie man das Leben sieht. Ein Bewusstsein, wer man ist. Eben keine Magd, sondern eine Erbin.

Manche meinen, ich hätte „so ein Glück“, dass ich einen so tollen Job habe – „so ein Glück“, dass meine Familie meine Entscheidung unterstützt. Natürlich ist es ein riesiges Geschenk und ein Privileg, denn ohne bestimmte praktische Voraussetzungen wäre es einfach nicht gegangen. Aber das ist der allerkleinste Teil daran!

Ich hatte kein „Glück“, ich habe es einfach entschieden. Ja, ich mache das und dann gehandelt. Ich hatte kein „Glück“ – ich habe mir einfach diesen tollen Job herausgesucht, der mich ausfüllt und mir unendlich Spaß macht. Einen anderen hätte ich gar nicht gewollt.

Das kam nicht einfach so, es ist nur ein Ausdruck meines Bewusstseins, dieses „nichts ist unmöglich“, dieses „warum nicht etwas Außergewöhnliches machen?“, dieses „wenn ich schon dieses Leben geschenkt bekommen habe, dann ist es an mir, daraus das Schönste zu machen, was geht.“.

Den Job hat mir weder eine Fee gezaubert, noch eine Maus gebastelt, noch kam es auf einmal *zauberzauber* vom Himmel – das hatte alles mit meinen eigenen Herzenshaltung zu tun. Und den Entscheidungen, die ich darauf hin getroffen und den Schritten, die ich logischerweise darauf hin unternommen habe. Und ja – daraufhin ergaben sich auf einmal Möglichkeiten. Ich bekam ein Auto zur Verfügung gestellt. Ich darf mich weiterentwickeln und als Führungskraft arbeiten. Ich darf an der Hochschule unterrichten. Der Wahnsinn – und reine Geschenke, für die ich absolut nichts getan habe und für die ich sehr dankbar bin! All das hätte ich aber nie erlebt, wenn ich nicht den ersten Schritt getan hätte.

Verstehst du, ich bin kein Fan von diesem „work hard on your success.“ – das kann schließlich jeder, dafür braucht man Gott nicht. Aber wenn ich schon alles von Gott geschenkt bekommen habe und ich absolut frei bin – dann werde ich mein Leben mir Sicherheit nicht der Passivität oder der Angst zur Verfügung stellen. Denn mir ist absolut bewusst, wer ich bin. Und dafür bin ich mir nun echt zu kostbar.

Mach es einfach und hab Spaß dabei.

Ein Gedanke zu „Das Aschenputtelprinzip“

  1. Tapfer appelliert! Aber leider ist unser Leben nicht mit idealisierten Denk- und Verhaltensmustern zu leben. Wir Menschen sind alle Unikate, zum Teil genetisch belastet, zum Teil durch Erfahrung, und meist auf besondere, persönliche Weise unfähig, so zu funktionieren, wie es die aktuelle Situation erfordert. Wir agieren temporär wie Idioten. Und das Selbstbewusstsein? Würde ich allen Selbstbewussten die Maske aus dem Gesicht entfernen, so blieben nur wenige Echte übrig. Auch die mit dem aufgesetzten, dem antrainierten Selbstbewusstsein haben Schwachstellen, und wenn der Wind sie erwischt, weht er sie von der Bühne. Wahres Selbstbewusstsein wächst unbemerkt im Inneren und tritt erst in kritischen Situationen ans Tageslicht, also dann, wenn es benötigt wird.

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