Es ist nicht schlimm

Es gibt diese Zeiten, die wohl Jeder kennt und in denen einfach nichts so funktioniert wie man es gerne hätte. Schlimmer noch, die Dinge geraten irgendwie völlig aus dem Lot und es geht einem einfach nur schlecht.

Jeder bestimmt ganz allein, was für ihn schlimm ist und was nicht. Ganz von Außen betrachtet, ist das Zusammenspiel aus den Umständen, die zu dieser Situation geführt haben, einfach großer Mist. Wie Tom so gern sagt: Bad shit went crazy. Hinzu kommt, dass ich für keinen davon verantwortlich bin und so liegt die Versuchung nahe, andere mit Vorwürfen und Schuldzuweisungen zu überhäufen, mit Bedauern alles durchzudenken und sich im Selbstmitleid zu wälzen. So versinkt man immer tiefer im Sumpf und am Ende ist es völlig egal, wer Schuld war, weil es einem so oder so schlecht geht. Über einen miesen Umstand zu jammern ist nun wirklich keine Kunst.

Oder man dreht die ganze Sache ins Gegenteil und beschließt, dass es überhaupt nicht schlimm ist. Weil, wer darf so etwas überhaupt behaupten? Wer legt denn fest, was für einen selbst schlimm ist? Der Umstand? Das Konto? Andere Menschen mit ihrem Fehlverhalten? In diesem Fall wäre man dem Ganzen schutzlos ausgeliefert und kann nur hoffen, dass alle Beteiligten mitspielen – ein sehr hoher Unsicherheitsfaktor, wie ich finde.

Irgendjemand hat mal gesagt „Oh Gott! Das hätte jedem von uns passieren können, so schnell kann alles vorbei sein!“. Ich kann dazu nur sagen: „Oh Gott! Das hätte jedem von uns passieren können und wie großartig kann es sein, ein Abenteuer zu starten und wie viele Möglichkeiten und Chancen und Ideen und Überraschungen warten auf einen – so schnell kann alles neu sein!“

Neu im Sinne von spannend. Neu im Sinne von frisch. Neu im Sinne von anders. Neu im Sinne von unbekannt. Neu im Sinne von Alles auf Anfang.

Existenzangst ist auch nur eine Angst. Doch schaut man ganz genau hinter die Existenzangst, dann steht da folgende Drohung: Wenn du das machst, dann stirbst du.

Der Teufel formuliert das viel subtiler und immer zugeschnitten auf die einzelne Situation: „Wenn du diesen Job kündigst, dann… “ „Wenn du das Loft aufgibst, dann…“ „Wenn du diesen Schritt gehst, dann…“ „Wenn du den Kontakt abbrichst, dann…“ „Wenn du dich von diesem Mann trennst, dann…“ „Wenn du dir das nicht länger gefallen lässt, dann…“ „Wenn du dieses Kind bekommst, dann…“ „Wenn du diese Rechnung zahlen musst, dann…“ „Wenn du diese Sicherheit aufgibst, dann…“ „Wenn du diese Entscheidung triffst, dann…“

„… dann geht alles den Bach runter, du wirst mittellos und niemals mehr so richtig glücklich, landest in der Gosse, bleibst für immer arm, einsam, hässlich und krank und stirbst.“ Die Konsequenz ist wiederum für alle gleich. Am Ende geht es immer um blankes Überleben.

Existenzangst ist die effektivste Methode, um Menschen bei der Stange zu halten, sie keine oder falsche Entscheidungen treffen zu lassen und ihnen ganz kategorisch die Grenze zu zeigen: „Bis hierhin und nicht weiter. Sonst stirbst du.“ Das ist die Öffnung der Pistole, mit der der Teufel exakt auf eine zielt und die Message ist klar: Wenn man jetzt von der Klippe springt, drückt er ab und man stirbt.

Oder man dreht die Öffnung der Pistole in seiner Hand um und tut genau das Gegenteil. Dieses Schlimmste, das, wo die größte Angst sich als Warnsignal zeigt, einem die Luft abschnürt, Tränen in die Augen treibt, Verzweiflung und Panik um sich greift. Dann springt man.

Man stirbt nicht! Man landet weder in der Gosse, noch wird man arm, unglücklich, krank und einsam sterben. Gar nichts davon wird passieren. Dahinter ist das geile Zeug. Genau hinter dieser Drohung ist das Glück. Hinter dieser Drohung ist die Freiheit. Ich kann nicht von dieser Klippe springen, weil ich sonst sterbe? Und wie ich kann.

Das Loslassen ist ein echtes Geheimnis. Das gilt für Dinge ebenso wie für Menschen. Keiner, der an etwas festhält, wird dauerhaft glücklich sein.

Der, der bindet und derjenige, der gebunden wird, können sich beide nicht entwickeln. Und wie schlimm ist es, wenn Menschen aufhören, sich weiter zu entwickeln! Wie viel ungenutzes Potenzial, welche Verschwendung an großartigen Möglichkeiten, was für eine unfassbare Persönlichkeits-Verstümmelung. Und das alles nur, weil man sich freiwillig an etwas festgebunden hat: einen Menschen, ein Haus, ein Möbelstück, einen Lebensstandard, eine Situation. Wie an so ’nen Pfahl, um dessen Radius man nun kreisen muss, ob man will oder nicht.

Ich könnte jetzt „Lasse los.“ schreiben, aber das klingt für mich immer so schwach-säuselnd, so schicksalsergeben, so wehmütig. Deshalb, scheiss doch auf alles.

Deine Persönlichkeit ist viel, viel zu kostbar, um sie im Tauschhandel für ein Haus, eine Beziehung, einen Lifestyle oder eine vermeintliche Sicherheit anzubieten. Ganz egal, wie hoch dein Preis sein mag – er ist zu hoch.

Für das Loslassen von Gegenständen gilt, alles, was du besitzt, ist mit einer bestimmten Energie belegt, mit einer Emotion, einer Erinnerung, einem. Entsorgt man nun diese Dinge, trennt man sich mit einem Schlag automatisch von diesen Energien, es ist viel schöner, als man zunächst glaubt. Pure Freude, großes Glück, fast ein Rausch. Krempelfreier Haushalt ist nur ein Goodie, den man obendrauf bekommt. Das neue Level an Freiheit, Lebensfreude und Glückseligkeit ist unbeschreiblich schön.

Am Anfang ist man völlig überfordert und man weiß eigentlich gar nicht was man zuerst machen soll. Doch oft erlebt man dann eine Welle von Unterstützung von Menschen um einen herum und von denen man es oftmals nicht erwartet hätte. Menschen, die Verantwortung übernehmen, ihre Zeit von sich aus zur Verfügung stellen, organisieren, tatkräftig mit anpacken, mich während des gesamten Prozesses unterstützen, motivieren, pushen, lieben und manchmal sogar zwingen, obwohl ich vor Müdigkeit kaum noch stehen kann. Nicht ein einziges Mal brachte jemand Wehmut, Bedauern oder Mitleid zum Ausdruck – ganz im Gegenteil. Das macht einfach Spaß und man schafft unendlich viel dabei. Diese Dynamik kannte ich in einem solchen Ausmaß noch nicht, und das hat mich regelrecht überwältigt.

Das Leben ist ein Abendteuer und deshalb kann man jede Sekunde davon genießen. Genießen, wenn alles wunderbar läuft, kann jeder, außer diejenigen, die selbst dann noch etwas zu meckern haben oder Probleme erfinden, aber das ist natürlich das niedrigste mögliche Level.

Sieht jedoch alles nach dem genauen Gegenteil aus und schreit einem der Umstand so richtig laut ins Gesicht, dann ist das der Augenblick, an dem es anfängt, mir wirklich Spaß zu machen. Das ist mein persönlicher Kick, mein Boost, mein „Jetzt werde ich lebendig.“ – Moment – wenn alles so richtig hoffnungslos und shitty und alles geht den Bach runter und wir werden alle in der Gosse, usw., und es für meine Gefühle und Gedanken so richtig herausfordernd wird: Genau darauf stehe ich. Weil ich dann endlich das Unmögliche glauben kann.

Das Leben ist nicht unberechenbar.
Das Leben ist kein Kampf.
Das Leben ist ein riesengroßes, sehr spannendes, und wunderschönes Abenteuer.

Ich weiß, dass es sich nicht immer so anfühlt und nicht immer so aussieht, aber das macht nichts. Wir drehen das.

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