Es tut einfach gut

Zwischen all den Lifestyle-Modebegriffen, die inflationär häufig auf sämtlichen Social Media-Plattformen vorkommen, reiht sich Achtsamkeit irgendwo zwischen Nachhaltigkeit, Body&Mind, Ayuverda, Positive Vibes, glutenfreier Pasta, Selflove, Visionboard und veganer Ernährung ein. So viel Gutes diese Dinge im Kern teilweise tragen können, so über habe ich sie manchmal – all das klingt für mich meistens undefinierbar schwammig / seicht, esoterisch schwebend, und im Alltag eher schwierig umsetzbar. Oder nur von welchen, die viel zu viel Zeit haben: wie Frauen, die immer verträumt in die Ferne schauen, während sie eine Tasse in der Hand halten. But maybe it’s just me.

Der Punkt ist, ich liebe Dinge, die den Alltag vereinfachen, statt zu verkomplizieren. Ich mag es, wenn etwas handfest und umsetzbar ist. Ich will lieber Hindernisse wegräumen, statt zusätzliche Aufgaben aufbürden. Man soll es hinterher leichter haben, als schwerer. Ich bin ein Macher.

Dieses „Machen“ kommt aber weder aus dem Bedürfnis heraus, jemandem etwas beweisen zu wollen, noch aus einer Art Getrieben Sein. Ich will etwas Handfestes auf die Beine stellen, weil ich stets so viel Energie, Lebenslust und -freude habe, dass es irgendwohin muss. Dieses Level fahre ich bereits seit Jahren – und Überraschung! das, was unter dem Modewort „Achtsamkeit“ gepredigt wird, lebe ich seit Jahren. Achtsamkeit bedeutet so viel wie „Aufmerksamkeit“ und beinhaltet einige wichtige Dinge.

Das bewusste Sein im Moment. Während man ein Instrument spielt, im Meer schwimmt, ein Bild malt oder mit dem Liebsten schmust: Die Tatsache, dass man währenddessen gedanklich nirgendwo anders unterwegs ist, sondern ganz im Moment versinkt – das ist Achtsamkeit. Im Jetzt und Hier Sein. Und das zu genießen. Und zwar immer. Das ist das Geheimnis des Glücks. Glaubt es oder nicht, beinahe Keiner ist im Hier und Jetzt. Alle bewegen sich stets in der Vergangenheit oder in der Zukunft.

Fahren sie z.B. Auto, dann tun sie es, um irgendwo anzukommen. Sie sind also nicht da, sondern bereits in der Zukunft. Das passiert absolut unbewusst, klingt nicht weiter schlimm und raubt einem tatsächlich die gesamte Lebensqualität.

Wenn die Kinder endlich aus dem Gröbsten raus sind. Wenn ich diesen Auftrag erledigt habe. Wenn Freitag ist. Wenn ich mehr verdiene. Wenn Feierabend ist. Wenn ich einen Partner habe. Wenn dieses und jenes finanzielle Ziel erreicht ist. Wenn es Mittagessen gibt. Man lebt gedanklich in einer Art „Warteposition“ – again: das ist so häufig, dass es keinem auffällt.

Der Punkt ist, die Zeit im Auto, bis du am Ziel ankommst, das ist auch dein Leben. Die Zeit bis Feierabend 16 Uhr, das ist auch dein Leben. Die Zeit, bis die Kinder nicht mehr in allem auf dich angewiesen sind, das ist auch dein Leben. Die Zeit, bis sich diese und jene herausfordernde Situation klärt: das ist auch dein Leben.

Dein Leben ist die Summe aller Augenblicke, nicht bloß die Highlights oder „jetzt kann ich endlich leben, weil das Problem gelöst ist.“. Sich genau das bewusst zu machen und jeden (noch so langweiligen) Augenblick zu genießen, ist Glück. Und schwieriger, als es sich zuerst liest.

Das im Jetzt und Hier sein ist deshalb so herausfordernd, weil ein ständiger Kampf um deine Aufmerksamkeit stattfindet. Täglich prassen Millionen von Gedanken und Gefühlen auf dich ein. Angebote sind so vielfältig wie es die Menschen sind und so maßgeschneidert auf deine Person, dass du dich auf jeden Fall eine Weile mit ihnen beschäftigst. Du hast jeden Tag aufs Neue die Wahl, welche Emotionen und Gedanken du zulässt.

Die Bandbreite reicht von banal (irgendein belangloses Zeug, dass du beim Porridge-Essen denkst, z.B. „Der Abend gestern war schön, ich habe die Steuer nicht geschafft, ich will Kuchen einkaufen, ich rufe morgen meine Mutter ein.“) bis zu emotionalen Glanzstücken („Warum hat er sich nicht gemeldet? Ich habe schon vor 2 Stunden geschrieben.“). Ihr kennt das.

Ist euch schon mal aufgefallen, dass das Hirn meistens immer und immer wieder dasselbe denkt? Es kaut jede Emotion und jeden Gedanken 30 mal durch, und statt damit aufzuhören (weil wir so offensichtlich nicht weiterkommen und es nichts bringt!) nimmt es diese noch mit ins Bett. Toll. Du und deine 13 Probleme liegen jetzt gemeinsam im wunderbaren, neuen Boxspringbett. Uneffektiv, zermürbend und dämlich.

Achtsamkeit bedeutet aber, dass du die Wahl hast. Immer. Du kannst dich dem Strom der Gedanken ausliefern (dieser ist je nach Umstände-Konstellation seicht bis ganz schlimm) – oder innerlich dagegen aufstehen. Du kannst dich jederzeit weigern, in das pausenlose „wir durchdenken das jetzt zum 154ten mal.“ einzusteigen, was nichts weiter als Müll ist. Du wirst auch beim 155. mal keine Lösung finden.

Auch den gedanklichen, bedeutungslosen Brei („Oh, ein Bäcker. Öhm, der Mantel der Kollegin sieht gut aus. Die hat ja ständig was Neues. Ich könnte nachher beim breuninger schauen? Was koche ich eigentlich am Donnerstag? Heute ist es aber kalt. Ich muss mich noch ums Auto kümmern. Ich könnte was auf Instagram posten. Oh, ein neues Werbeplakat.“) kannst du verlassen. Diese belanglose, unwichtige, irrelevante Masse an Gedanken, die dir durch den Kopf schießen, während du einen Latte trinkst, auf die Bahn wartest oder dein Kind im Arm hältst. Diese Non Stop-Beschäftigung ist wie Umweltverschmutzung, nur im Hirn.

By the way, wenn du auf Instagram scrollst, während du Latte trinkst, auf die Bahn wartest oder dein Kind im Arm hältst, ist es geführtes Denken und kein bisschen besser. Die Gedanken kommen in der Form der Ablenkung, damit du den Brei im Kopf nicht ständig hörst. Das Ergebnis ist exakt dasselbe.

Achtsamkeit bedeutet angemessen agieren statt blind auf jeden Impuls zu reagieren. Bei dir zu bleiben statt jedem sich anbietenden Gedanken nachzulaufen. Den Fokus zu behalten, statt auf 30 fremden Hochzeiten zu tanzen. Und das geht nur und ausschließlich durch Verantwortung für sein Leben übernehmen und die Autorität zu ergreifen.

Am Ende ist es so, du bist Chef. Chef hat das Sagen.

Aber das geht nicht von Heute auf Morgen. Das im Jetzt und Hier Sein, das Über-die-Gedanken-Bestimmen, das bewusste Handeln statt zu reagieren, das muss geübt werden. Es kann erlernt werden, die Übung macht sowohl Spaß als auch den Meister und außerdem können wir es uns immer so schön machen, wie es nur geht.

Hier sind 4 einfache, aber effektive Ideen – die schafft jeder, sie machen Spaß, und trainieren nebenher Achtsamkeit. Das große Zauberwort beim Achtsamkeit lautet, Ablenkungen vermeiden. Wenn ihr diese Dinge tut, schaut nicht nebenher auf’s Handy, denkt nicht an „Ich muss noch Wäsche von der Reinigung holen“ und redet nicht zwischendurch mit eurem Partner.

Tut es, wie wenn es das Einzige wäre, was ihr in diesem Leben noch zu tun habt. Und wie wenn es das Schönste wäre, was ihr jemals noch tun werdet. Und wenn es das Wichtigste wäre, was ihr noch zu tun habt. Und dann noch das Allerkostbarste.

Einen Tee zuzubereiten, braucht nur wenige Minuten und genau diese sollen diesmal ganz ohne Ablenkung stattfinden. Du hörst dem Blubbern des kochenden Wassers zu und beobachtest den aufsteigenden Dampf. Du atmest den Duft der Teeblätter und -blüten tief ein. Du schaust zu, wie sich diese im heißen Wasser entfalten. Du wärmst deine Hände an der Tasse. Du nimmst den ersten Schluck und schließt deine Augen. Du spricht nicht, scrollst nicht, sondern bereitest den Tee so zu, wie wenn es das Großartigste wäre, was du jemals getrunken hast.

Ich finde, dass Vorlesen etwas Magisches ist, denn es eröffnet einem eine neue Welt und nimmt andere mit hinein. Du hörst deine Stimme, betonst die Dinge unterschiedlich, tauchst in die Geschichte ein und genießt es gemeinsam mit der Person, der du vorliest. Eltern sind im Vorteil – müssen aber ebenso aufpassen, dass sie die (bereits zum 134ten Mal vorgelesenen) Geschichten nicht einfach mechanisch runterleiern „Bis es endlich zu Ende ist, ich muss gleich noch einkaufen.“ – sondern so bewusst vorlesen, wie wenn es das allererste Mal wäre. Und das schönste und spannendste Buch aller Zeiten.

Kaum etwas ist so hilfreich, und dabei so genussvoll in Sachen Achtsamkeit wie ein Vollbad. „Ein Bad ist eine Umarmung für den ganzen Körper“. Du versinkst komplett in einem anderen Element und spürst, wie sich die Wärme in deinem Körper ausbreitet. Du atmest einen herben, leicht holzigen Duft ein, und tauchst im zarten Schaum unter, der deine Haut pflegt. Während du im Wasser schwebst, fokussierst du dich auf die Wärme und den Genuss. Du spürst, wie deine Muskeln sich dank der Wärme lockern und eine wohlige Entspannung einsetzt. Du hüllst dich in einen dicken, weißen Bademantel ein und freust dich auf die Nacht. Das entspannendste Bad und das schönste Verwöhnritual, das du jemals hattest.

Ein bewusstes Sein beinhaltet auch den bewussten Umgang mit anderen Personen – keiner ist ein Lonesome Rider auf diesem Planeten. Wenn du also dein Haus verlässt, dann bist du bewusst da: für die anderen. Du schaust der Kassiererin in die Augen, du lächelst die Oma am Pasta-Regal an, du gehst rücksichtsvoll zur Seite, falls jemand eine Sahne holen will. Du bist freundlich und aufmerksam – und mit deinen Gedanken nicht irgendwo beim nächsten Termin oder dem letzten Gespräch im Büro. Du genießt den Einkauf und freust dich über die Möglichkeit, anderen etwas schenken zu können: deine Aufmerksamkeit, dein Lächeln oder deine Gegenwart. Ich weiß, dass wir alle viel zu tun haben und zwischendurch nur schnell was erledigen wollen. Aber wir sollten einfach für die Anderen da sein, auch wenn es lästig erscheint.

Vor einiger Zeit fuhr ich mit dem Aufzug einer Einkaufsmall – es standen bereits einige Menschen darin, als eine rothaarige Frau dazustieg. Es herrschte diese unangenehme Stille, wie sie nur in öffentlichen Aufzügen zu finden ist und bei der jeder konzentriert auf einen imaginären Punkt schaut. Mitten in diese Stille sagte ich laut: „Sie sind so schön, dass man fasziniert schauen muss, und gar nicht mehr aufhören kann. Sie sind so schön, dass man selbst vom Hinschauen schön wird. Sie sind so schön, dass es einen glücklich macht.“ Die Frau mit roten Locken schaute mich überrascht an und während sich ihre Augen in Sekundenschnelle mit Tränen fühlten sagte sie: „Sie haben keine Ahnung, was mir diese Worte heute bedeuten.“ Dann stieg sie aus und während wir im vollgepackten Aufzug weiterfuhren, murmelten meine mir fremden Mitfahrer: „Ja, sie war wirklich schön.“

Am Ende des Tages muss Achtsamkeit sich nicht um sich selbst drehen, sondern andere beschenken. Deshalb sind wir schließlich auf dieser Welt. Und wir haben oft keine Ahnung, was wir alles Gutes mit unserer Zuneigung anrichten können.

Ein Gedanke zu „Es tut einfach gut“

  1. Vor ein paar Tagen dachte ich noch, ich würde gern mal wieder über die schönen Dinge des Lebens sprechen, hören und lesen. Ich würde gern mal das Chaos, das aktuell überall herrscht, beiseite schieben und mich dem Guten zuwenden.

    Über den Beitrag in einem anderen Blog landete ich nun hier – und obwohl der Beitrag wirklich ziemlich lang ist, las ich ihn komplett und ohne quer zu lesen, durch.

    Ein „JA!“ konnte ich fühlen. „Genau so ist es!“ schoss mir durch den Kopf und als wenn eine Erinnerung wachgeküsst wurde.

    Der Beitrag liest so herrlich leicht und schön. Ich habe diesen Blog mal abonniert und freue mich schon darauf, weitere Beiträge zu lesen.

    Vielen Dank für diesen hier.

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