Gelassenheit – to go

Warum ich an manchen Tagen einfach mal gerne einen Skalp an die Wand nageln würde. Das ist der Satz eines guten Freundes, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Bei mir auf der Baustelle würde ich denjenigen allerdings eher im Fundament versenken. Es gibt immer wieder so Situationen, wo man einfach mal tief Luft holen muss, einen Schritt zurücktreten muss und die Dinge einfach nicht persönlich nehmen darf. Egal, mit was für einem Quatsch einen das Umfeld auch nervt und wie sehr sie immer wieder verunsichern oder einem versuchen die Welt zu erklären ist manchmal echt abenteuerlich.

Manchmal im Leben begegnet man Menschen, deren Anwesenheit eine reine Provokation ist. Bei denen die Augen beim permanenten Verdrehen fast durchdrehen und das Blut schon überkocht, sobald sie den Mund nur aufmachen, denn man weiß: Jetzt kommt wieder was Nerviges! Wenn man mit dieser Art Mensch auch noch acht Stunden des Tages verbringen muss…Tja, dann Halleluja und Happy Monday. Man muss schon auf einer ziemlich stabilen Wolke der Gelassenheit durchs Leben schweben, um eine Person, die uns in den Wahnsinn treibt, mit einem besonnenen Lächeln einfach so hinzunehmen. Auch ich habe sicherlich schon bei so einigen Wolken der Gelassenheit ganz vehement an der Treibstoffzufuhr gerüttelt.

Da ich jetzt in einem Alter bin, in dem Stress Falten macht, lohnt sich unterschwelliger Zorn über das Verhalten anderer noch weniger als je zuvor (falls sich das überhaupt je gelohnt haben sollte…). Leider ist das Leben weder ein Wunschkonzert noch ein Ponyhof – und nicht einmal dort kann man sich aussuchen, mit welchen verrückten Ponyliebhabern man sich eine Stube teilen muss. Und so müssen wir manchmal einfach auf die bestmögliche Weise mit Leuten auskommen, mit denen wir freiwillig sicherlich keinen Besuch auf dem Ponyhof planen würde. Zumindest so gut, dass die Gelassenheitswolke nicht zum zerstörerischen Tornado wird.

Geboren, um zu nerven. Auch, wenn es sich manchmal genau so anfühlt: Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass es das Ziel eines kolossal erotischen Fortpflanzungsakts war, einen Homo Sapiens zu erschaffen, der ausgerechnet dafür da ist, Dich zu nerven. Meistens ist dieser Mensch einfach wie er ist – aber irgendetwas daran lässt Deine inneren Alarmsirenen hochfahren. Das muss der andere nicht einmal mitbekommen.

Schritt 1 ist also: die Situation und die Person nicht mehr so persönlich nehmen.

Schritt 2: In die Vogelperspektive treten für einen Blick für das große Ganze und uns neutral fragen: Was genau bringt mich dazu, so zu reagieren? Ist die Person jemand, den ich nicht mag oder erinnert sie mich bloß an jemanden, den ich nicht mag? Zeigt sie mir vielleicht sogar Verhaltensweisen auf, die ich selbst an mir nicht mag – und gehe deshalb so in Resonanz? Oder ist das, was mich nervt, vielleicht eine Eigenschaft, die ich selbst gern hätte?

Das Verhalten eines Mitmenschen müssen wir demnach nicht persönlich nehmen – unsere eigenen Muster, Bedürfnisse und Gefühle hingegen schon. Deshalb ist es wichtig nicht immer auf das Verhalten der Anderen zu schauen, sondern auf uns selbst. Verstehen wir uns und unsere eigene Verfassung, unsere körperlichen Signale besser, können wir emphatischer reagieren. Hält da gerade jemand sein Feuerzeug an meine Zündschnur? Bei mir sind es die kribbelnden Hände und meine Sprachlosigkeit – andere fangen an zu schwitzen oder es beschleunigt sich ihre Atmung. Kennen wir solche Vorboten, müssen wir uns nicht später – nach einer irrationalen Reaktion unsererseits – fragen, was uns denn da bitte geritten hat.

Um das Verhalten anderer nicht persönlich zu nehmen, bietet sich die Rolle des neugierigen Wissenschaftlers an. Denn anstatt den Kollegen beispielsweise bloß als diese nervige Zumutung anzusehen, der wir aus dem Weg gehen wollen, könnte er auch das neuste Forschungsprojekt des inneren Wissenschaftlers werden.

Der Wissenschaftler möchte begreifen, die größeren Zusammenhänge logisch ein- und zuordnen. Er bezieht das Verhalten des anderen also nicht auf sich und wird emotional, sondern er setzt lieber neugierig seine Brille auf und ergründet sie, tüftelt Theorien aus und überlegt sich mit distanzierten Gefühlen, wie dieser Mensch möglicherweise so geworden ist, wie er nun mal jetzt gerade ist. War es eher das Elternhaus, das prägend war? Seine Lehrer? Wurde er früher vielleicht gemobbt und hat dieses Verhalten als Abwehrstrategie entwickelt? Hat sein kultureller Hintergrund etwas mit seiner Art zu tun? Könnte es eine bestimmte Motivation geben, die ihn antreibt? Wie würde es mir in seiner Situation gehen, wie würde ich mich fühlen?

Es geht nicht darum, sich damit das Verhalten einer anderen Person schönzureden oder damit gänzlich einverstanden zu sein, noch darum, Urteile zu fällen. Ziel ist, die Perspektive zu wechseln, über den eigenen Tellerrand etwas hinüber zu schauen und die eigene Sicht über die Welt vielleicht ein kleines bisschen zu erweitern. Und ganz vielleicht den anderen mehr zu verstehen.

Wir atmen beide gern. Ich mag Menschen, die mir ähnlich sind und mit denen ich viele Gemeinsamkeiten habe. So kann mich selbst die größte Nervensäge in Windeseile besänftigen, wenn sie anfängt, vom Segeln oder Schiffen zu schwärmen. Wollen oder sollen wir miteinander auskommen, lohnt es sich für eine gute Gesprächsbasis, nach genau diesen positiven Schnittmengen Ausschau zu halten – und darauf aufzubauen. Bei einem Kollegen kann es zum Beispiel das gemeinsame Ziel sein, gute Arbeit für die Firma zu leisten (und die Aussicht, diese Person nicht ehelichen zu müssen, sondern einfach nur erwachsen mit ihr zusammenzuarbeiten). Das kann genug Fläche für die Verbindung sein – auch, wenn man dieses Ziel in der Arbeitsweise möglicherweise unterschiedlich angeht.

Grundsätzlich verbindet uns Menschen mehr, als uns trennt. Wir wollen Glück suchen, für uns und unsere Lieben und wir wollen Schmerz vermeiden. Meist ist es nur die Art und Weise, an dem die Meinungen auseinanderdriften. Warum sollten wir unfreundlich oder unfair werden, nur weil wir manche Herangehensweisen anders sehen?

Ja, selbst der nervigste Kollege ist auch nur ein Mensch auf seinem Weg durchs Leben, den er so gut wie möglich bewältigen will. Das Gute ist doch: Wir müssen uns nicht einmal mögen, um gut miteinander auszukommen. Es reicht, Respekt vor den Unterschiedlichkeiten zu haben. Und uns hier und da ein bisschen hineinzuversetzen in seine oder ihre Lage. Wenn wir uns in dieser Empathie üben, kann selbst eine dünne Wolke von Gelassenheit irgendwann so groß und stark werden, als hätten wir sie mit Anabolika gefüttert.

Schubser, Vordrängler, Leute, die sich lieber schnell durch die Tür schlängeln, damit sie dem Hintermann auch bloß direkt vor der Nase zuschlägt – bei solchen unnötigen Aktionen könnte ich an die Decke gehen. Wenn ich ohne (für mich) ersichtlichen Grund unfair behandelt werde, ist meine Stimmung dahin.

„Reg Dich nicht auf.“ „Chill mal.“ „Da kannst Du eh nichts machen.“ Sagen die besonnenen Mitmenschen dann – und haben im Prinzip haben ja auch recht. Und, ja, eigentlich weiß ich es ja auch: Sich über Lappalien oder unveränderliche Dinge aufregen, bringt nichts. Nimm den Menschen, wie er ist, du kannst ihn eh nicht ändern… Aber erst einmal in der Situation gefangen, sieht es bei mir mit der gelassenen Gleichgültigkeit schnell ziemlich schlecht aus.

Gelassenheit bedeutet nicht Kontrollverlust. Dass es bei mir mit der Gelassenheit-To-Go so oft nicht geklappt hat, lag nicht zuletzt auch daran, dass ich in Situationen, die meine Werte verletzten, gar nicht gelassen reagieren wollte. Schließlich hat der andere etwas falsch gemacht – und wo kämen wir denn hin, wenn ich ihn dafür nicht wenigstens mit Missbilligung strafen würde? Ihn mit Gelassenheit einfach davonkommen lassen? Pah! Das fühlt sich wie ein Verrat an meinen Werten an. Als hätte mein Ärger keine Berechtigung. Mit dem Konzept „Einfach atmen und drüber stehen“, kam ich oft nicht weit. Entweder driftete ich in emotionale Apathie ab oder fühlte mich schlecht, weil ich es nicht hinbekam, wirklich drüber zu stehen.

Deswegen musste ich strategischer vorgehen. Denn statt gleich den Anspruch zu haben, auf einer Wolke über allem und jedem zu schweben, können wir auch Schritt für Schritt beginnen:

Die Energie des Ärgers für sich nutzen. Wenn wir uns aufregen, fließt unglaublich viel Kraft durch uns. Damit diese nicht unkontrolliert ausbricht und wir die Contenance bewahren können, müssen wir andere Energiereserven anzapfen, um diese Kraft irgendwie im Zaum zu halten. Das laugt aus und ist oft unbefriedigend, weil wir oft nur einen Deckel auf den kochenden Topf pressen und hoffen, dass er sich dann schon von allein abkühlt. Damit richten wir die Wut letztlich gegen uns selbst.

Dabei könnten wir diese Kraft bei so vielen anderen Dingen gebrauchen, die uns wirklich voranbringen. Beim Sport, beim Malen, beim Gestalten unseres Traums. Sollen wir diese Gratis-Kraft wirklich an einen anderen verschwenden? Kann der andere das wert sein? Oder wäre es nicht hilfreicher, diese Kraft in positive Bahnen zu lenken? In unangenehmen Momenten können wir auch mal ganz bewusst die eigene Kraft und ihre positive Absicht wahrnehmen – und sie mit dem Versprechen auf eine bessere Entfaltungsmöglichkeit „einfrieren“. Damit sie bei Aktivitäten freigesetzt werden kann, für die wir wirklich Kraft brauchen. Seitdem ich diese Kraft beim Sport rauslasse, nämlich beim Schwimmen, schieße ich wie eine Rakete durchs Wasser. Alternativ beim Segeln, richtig hart am Wind.

Jemand, der uns aufregt, führt uns vor Augen, wie viel Stärke in uns schlummert. So gesehen ist das auch ganz nett von ihm und ich bin ihm einfach dankbar dafür. Es liegt dann an uns, wohin wir diese Stärke verteilen.

Sprache bewusst nutzen. „Ich bin so sauer!“ „Ich könnte kotzen!“ „Was fällt diesem Ars… ein?!“ Die Art und Weise, wie wir unser Unbehagen (gedanklich) verbalisieren, entscheidet mit darüber, wie viel Öl wir in unser eigenes Feuer gießen. Denn auch sprachlich können wir Abstand von einer unliebsamen Situation nehmen. Je intensiver wir uns ausdrücken, desto einfacher rufen wir emotionale Zustände ab, die mit diesen Ausrücken codiert sind. Wenn wir jedoch Ausdrücke benutzen, die wir sonst nicht verwenden und zu denen wir ein eher neutrales (oder im besten Falle positives) Verhältnis haben, ändert sich auch unsere emotionale Verfassung. Es macht einen Unterschied, ob wir uns selbst als „wütend“ oder als „nicht entzückt / nicht erquickt bzw. etwas pikiert“ bezeichnen.

Auch der Verzicht auf die „Ich“-Form schafft Abstand in kritischen Situationen. Das Sprechen über/zu sich in der 3. Person bzw. Du-Form hilft, die Szene von einer Metaebene zu bewerten. Welche Wörter haben auf mich eine beruhigende Wirkung? Wie würde ein Mensch mit mir reden, der mich immer zum Lachen bringt? Was würde der klügste Mensch, den ich kenne, zu mir sagen?

Die geistige Umnachtung sollte man immer mal einkalkulieren. In seinem Buch „Der Elefant, der das Glück vergaß“ schreibt der buddhistische Mönch Ajahn Brahm eine Geschichte zur Gelassenheit, die mich tief beeindruckt hat:

Ein Mann geht zum Markt, er will einfach nur Eier für sich und seine Frau zum Abendessen besorgen. Dort angekommen, wird er ohne Grund von einem fremden Mann auf übelste Art und Weise beleidigt. Und er hört nicht auf. Peinlich berührt verlässt er schnell wieder den Markt und erzählt seiner Frau davon. „‚Ach der!‘, sagte seine Frau und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken. ‚Das macht er mit jedem. Weißt du, als Kind ist er mal auf den Kopf gefallen. Dabei hat einen Hirnschaden erlitten und führt sich seither immer so auf. So ein armer Kerl. […]‘“

Im Buddhismus sind Zorn und Beleidigungen Ausdruck einer „zeitweiligen geistigen Verwirrung“. Wie sehr müsstest Du Dich dann noch über einen anderen aufregen, wenn Du Dir vorstellen könntest, dass er gerade einfach unter einer vorübergehenden geistigen Verwirrung leidet? Wie viel Freiheit würde es Dir geben? Der Mann aus der Geschichte konnte zumindest ganz entspannt wieder zurück auf den Markt gehen und ungeachtet aller weiteren Beleidigungen des anderen Mannes seine Eier kaufen…

Inzwischen denke ich nicht mehr, dass ich meine Werte verrate, wenn ich mich von einem Drama fernhalte, das mir ein anderer aufzwingen will. Drama-Abstinenz ist eine Entscheidung, die aus meiner eigenen Freiheit entspringt – und die ich meiner Kraft, meinen Zielen und meinem Leben zur Liebe nutzen kann. Jederzeit, wann immer ich es entscheide.

Du kannst das auch. Ich glaube an dich.

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