Same procedure

Ich bin – wie vermutlich viele andere auch – mit einer bestimmten Silvester-Tradition aufgewachsen. Am Nachmittag versammelte sich die ganze Familie vor dem Fernseher, um „Dinner for One“ zu schauen. Bis heute kann ich mich köstlich darüber amüsieren, wie Butler James immer wieder über den Kopf eines Tigerfells stolpert, das genau auf seinem Weg zwischen der Anrichte und dem Tisch liegt. Man muss dem alten Butler zwar anrechnen, dass er am Ende ziemlich betrunken ist. Aber trotzdem, mal ehrlich: Warum kriegt er es nicht gebacken, diesem Tigerschädel auszuweichen – wenigstens beim dritten Mal?

Wenn ich auf mein Leben schaue, fallen mir auch einige Stolpersteine ein, über die ich wieder und wieder gefallen bin: einige Kater vom guten Wein, verkappte Traumprinzen, die letztlich doch nur Mistkröten waren. Freundinnen, denen ich mein Herz ausschüttete und die letztendlich drauf herumtraten. Warum werde ich in meinem Leben eigentlich immer wieder mit demselben Mist konfrontiert?

Deswegen setzt uns das Leben immer wieder die gleichen Probleme vor die Nase. Eigentlich mögen wir ja Wiederholungen, Traditionen und Rituale. Ich bin da keine Ausnahme und ich liebe meine Rituale und Routinen. Man kann sich auf sie verlassen, sie geben uns Halt, hüllen uns in Geborgenheit. Jedes Jahr im Dezember ist Weihnachten, an unserem Geburtstag gibt es Geschenke, nach sieben Tagen kommt der nächste Freitag. Jeden Morgen starte ich mit denselben Dingen und Abläufen in den Tag und das gibt mir Kraft. Nach dem Aufstehen nehme ich mir Zeit, ordne meine Gedanken und bereite mich auf den Tag vor. Wahrend mein Tee zieht prüfe ich meine Liste für den Tag, was sind die Prioritäten und was fehlt noch, anschließend gehe ich duschen, mache mich fertig und fahre auf die Baustelle oder ins Büro. Während der ersten Tasse Tee bin ich mit mir und dem beginnenden Tag allein, da ist noch kein Stress und ich genieße meine Zeit einfach.

Zum Problem wird es nur, wenn unser Leben zu stark in Routinen abläuft oder anders ausgedrückt: wenn der Autopilot dauerhaft am Steuer sitzt … und in die falsche Richtung fährt. Zwar navigiert uns der Autopilot sicher durch unseren Alltag, doch er fährt immer nur auf der Straße, die er bereits kennt. Und die ist oft genug gepflastert mit Problemen, schlechten Angewohnheiten und einer bunten Auswahl negativer Gedankenspiralen.

Die Lösung scheint ganz naheliegend: Den Autopiloten ausschalten. Doch das ist gar nicht so einfach. Dass wir das Steuer aus der Hand gegeben haben, ist uns schließlich oft gar nicht bewusst. Dann laufen – bzw. fahren – wir den immer selben Zielen hinterher, die uns doch nicht glücklicher machen werden. Und die alten uns nur zu gut bekannten Probleme tauchen dann wieder und wieder am Fenster auf. Darum geben wir die Kontrolle ab, dass wir uns vom Autopiloten durch unser Leben kutschieren lassen, entscheiden wir selten bewusst und unter der Haube spielen sich oft noch weitere Dinge ab, die uns vom beherzten Griff ans Steuer abhalten.

Wir hängen an unserer vermeintlichen Identität. Irgendwann im Laufe unseres Erwachsenwerdens formen wir uns in der Regel eine Identität, ein Selbstbild. Wir glauben, dieses Selbstbild sei das, was uns nun mal ausmacht und wir hängen daran. Denn selten hinterfragen wir unser Selbstbild in allen Einzelheiten, stellen jede unserer vermeintlichen Eigenschaften auf den Prüfstand. Wir schleppen etwa negative Glaubenssätze mit uns herum, die wir vielleicht schon in frühester Kindheit ungefragt übernommen haben und glauben wir wären „nun mal so“. Das stimmt auch – zumindest, solange wir nichts verändern.

Wir wollen uns schützen. „Gebranntes Kind scheut das Feuer“ heißt es und fast jeder von uns hat sich einmal die Finger an etwas verbrannt. Oft glauben wir unterbewusst, uns vor solchen Erfahrungen schützen zu können, wenn wir uns auf nichts mehr einlassen. Lieber keine Liebe, als verletzt werden. Lieber keine Beförderung, bevor wir uns noch blamieren. Lieber keine Freundschaft, bevor unser Vertrauen missbraucht wird. Lieber misstrauisch bleiben, statt enttäuscht zu werden. Lieber keinen Sex, statt ungewollt schwanger zu werden. Ja, das ist schon ein Erlebnis, wenn man das feststellt, besonders, wenn der Typ sich nie wieder meldet. Diese vermeintliche Sicherheit beraubt uns jedoch gleichzeitig der Chance auf eine positive Erfahrung.

Neue Wege machen uns Angst. Ganz tief in uns drin wissen wir meist, wohin wir im Leben wollen. Da ist eine leise Stimme, die uns ins Ohr flüstert oder ein „Bauchgefühl“. Wir wollen nur manchmal nicht hinhören. Weil das unbequem ist, weil wir Gegenwind von anderen befürchten oder weil wir uns nicht zutrauen, dass wir es schaffen können. Unbewusst sind uns dann die alten, aber immerhin vertrauten Probleme, manchmal lieber. Lieber lassen wir uns erneut auf eine Beziehung ein, obwohl wir genau wissen, dass wir sie wieder vor die Wand fahren werden, nur weil es so vertraut ist – außerdem ist man nicht allein.

Der Weg zu dem, was uns glücklich macht, ist selten ganz leicht, denn er führt meistens direkt aus unserer Komfortzone heraus. Dass stresst uns und macht Angst. Die Natur hat es aber so eingerichtet, dass wir in einer stressigen Situation Energie frei setzen. Unser Puls erhöht sich, der Blick schärft sich, unser Kopf fokussiert sich – im besten Fall auf das Ziel, das wir uns selbst ausgesucht haben. Das fordert Kraft und oft müssen wir über mehr als nur unseren eigenen Schatten springen. Aber nur so erkennen wir auch, wozu wir wirklich fähig sind.

Mit dem Steuer in der Hand weg von den wiederkehrenden Problemen. Mit einem Knopfdruck ist der Autopilot nicht auszuschalten. Doch möglich ist es zum Glück immer.

Das Ziel wählen. Wer die Richtung ändern will, der muss sich zuerst darüber klar werden, wo es hingehen soll. Oft schlummert die Antwort bereits in uns. Unsere tiefsten Wünsche zeigen sich manchmal nur in einem komischen Bauchgefühl, einer Spinnerei, einem Tagtraum und wir tun diese Signale als belanglos ab. Dafür haben wir ja auch oft „gute Gründe“ (zu teuer, zu schwer, zu …). Wenn wir unserem Leben eine neue Richtung geben wollen, weg von den immer selben Problemen, können aber gerade diese beiläufigen Gedanken und Gefühle wertvolle Hinweise sein. Wir sollten sie daher nicht nur wahr- sondern auch ernst nehmen.

Meter für Meter. Der Anfang ist es, der uns am meisten Angst macht. Der ganze Weg liegt vor uns, wir sorgen uns, ob unsere Kräfte reichen werden und um mögliche Hindernisse. Ist der erste Meter geschafft, wird es meistens schon leichter. Der Straßenkehrer Beppo sagt zu seiner Freundin Momo im gleichnamigen Buch:

„Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken. Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude; dann macht man seine Sache gut. Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“

So können wir es auch machen. Wenn wir die ganze Straße in kleine Schritte zerlegen, brauchen wir immer nur an den nächsten zu denken. Wenn Du die Richtung ändern willst, hilft es vielleicht, Dich zunächst nur zu fragen: Wie könnte mein erster Schritt aussehen?

Lass die Angst im Straßengraben zurück. Angst ist häufig nur eine (ziemlich fiese) Illusion, die uns von dem abhält, was wir wirklich wollen. Ein Auszug aus einem Text der Poetry-Slammerin Julia Engelmann, hilft mir oft dabei, klar zu sehen, wenn mir die Angst den Blick verstellt: „Unsere Tage gehen vorbei – das wird sowieso passieren. Und bis dahin sind wir frei. Und es gibt nichts zu verlieren.“ Letztendlich haben wir, fürs Erste, nur dieses eine Leben. Wir können versuchen, es nach unseren Wünschen zu leben … oder nicht.

Stolpersteine werden uns auf jedem Weg begegnen. Entweder sind es immer wieder dieselben oder welche, die wir vielleicht noch nicht kennen. Das Wichtigste ist wohl, dass wir nach dem Stolpern hinsehen, uns aufrichten und daraus lernen. Und dann merken wir vielleicht auch, dass es kein Tiger war, der uns zu Fall gebracht hat, sondern nur ein ausgestopfter Bettvorleger.

Warum überhaupt etwas Neues anfangen, wenn wir in der Vergangenheit doch längst bewiesen haben, dass wir Versager sind? Wir nehmen also ein einzelnes Ereignis aus unserer Vergangenheit als Grundlage und leiten daraus eine universelle Regel ab. Bei genauem Hinsehen ist das jedoch ziemlich verrückt. Nur, weil du gestern Kopfschmerzen hattest, muss es nicht heißen, dass du nun jeden einzelnen Tag deines Lebens Kopfschmerzen haben wirst. In Bezug auf unsere vergangenen Fehlschläge verfallen wir jedoch komischerweise auf die irrige Annahme, es würde unser Leben lang immer so weiter gehen.

Dabei sind Fehlschläge eigentlich ein ganz wesentlicher Bestandteil des Prozesses hin zum Fortschritt. Edison, der Erfinder der Glühbirne, scheiterte angeblich sogar 1000 Mal. Trotzdem gab er die Hoffnung nicht auf. „Ich bin nicht gescheitert. Ich kenne jetzt 1000 Wege, wie man keine Glühbirne baut“, soll er einmal gesagt haben. Wie wir heute wissen, erfand er die Glühbirne letztendlich doch. Was Edison von denen unterschied, die nach 999 Fehlschlägen alles hingeworfen hätten? Er besaß offenbar ein sogenanntes Growth-Mindset, ein dynamisches Selbstbild. Menschen mit einem Growth-Mindset glauben, dass sie sich jederzeit weiterentwickeln und Neues lernen können, wenn sie nur genug Arbeit hineinstecken oder beharrlich üben. Diejenigen mit einem statischen Selbstbild, vertreten hingegen eher die Auffassung, dass Talent nun mal angeboren und unveränderlich ist. Das Gefährliche: Menschen mit statischem Selbstbild neigen dazu, ihren Selbstwert an ihren vermeintlichen Talenten zu messen. Fehlschläge – vor allem in Disziplinen, in denen sie sich für kompetent halten – verunsichern sie so sehr, dass sie oft keinen weiteren Versuch wagen. Ein typischer Fixed-Mindset-Satz wäre: „Vielleicht kann ich das doch nicht so gut, wie ich dachte“.

Studien belegen, dass Mindset zu einem Großteil anerzogen ist. Sogar die Art und Weise, wie wir als Kinder gelobt werden, kann Einfluss darauf haben. Wer bei einem fehlerfreien Diktat gleich zum „Rechtschreibgenie“ erhoben wird, der neigt möglicherweise dazu „Gute Rechtschreibung“ als Talent zu sehen. Das erhöht wiederum den Druck, in dieser Disziplin auch künftig immer gut sein zu müssen. Wer hingegen eher so etwas wie „Da hast Du Dir aber richtig Mühe gegeben – gut gemacht!“ hörte, der lernte, dass die gute Note das Ergebnis von Übung war und neigt auch später dazu, beharrliche Übung als Grund für den eigenen Erfolg zu sehen. Jetzt als Erwachsene loben und tadeln wir uns oft noch genau so, wie wir es als Kinder gelernt haben. Und wenn wir uns jetzt umprogrammieren wollen, müssen wir auch hier ansetzen: Bei der Art wie wir mit uns selbst reden. Sag dir doch das nächste Mal „Ich kann es NOCH nicht“ anstatt „Ich kann das nicht“ – ein kleines Wort mit großer Wirkung.

Wenn du deine Wahrnehmung bewusst auf deine Fortschritte lenkst – und seien Sie auch noch so klein – beweist du dir damit gleichzeitig selbst, dass du dich entwickeln und verbessern kannst. Wärest du „einfach schlecht“, dann gäbe es wohl kaum einen Fortschritt, oder? Deswegen: Feiere jeden Erfolg! Henry Ford sagte einmal: Ob du denkst, du kannst es, oder du kannst es nicht: Du wirst auf jeden Fall recht behalten.

Tatsächlich macht die Art und Weise wie wir über uns selbst denken oft den entscheidenden Unterschied. Zwar wird Dir das richtige „Mindset“ nicht alles ermöglichen können (auch bei 1000 Anläufen wäre Edison vermutlich niemals Miss Universe geworden), oft ist die Spannweite unserer Fähigkeiten jedoch breiter, als wir uns zutrauen. „Immer versucht, immer gescheitert. Mach Dir nichts draus. Versuche es wieder. Scheitere nochmal und scheitere besser.“

Ich lasse mich drauf ein und ich nehme die neuen Herausforderungen an und ich freue mich drauf. Du kannst das auch – ich glaube an dich.

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