Sieh nach vorn

Alles was passiert, kann dir beim Wachsen helfen – auch, wenn es gerade nicht so aussieht. Die Zeit arbeitet mit dir, meißelt dein wahres Ich aus dem Steinblock, wenn du sie lässt. Das kann schmerzen, sehr sogar. Ganze Brocken haut sie weg, von denen du geglaubt hast, sie würden zu dir gehören – alte Träume, Täuschungen, Beziehungen. Doch unter diesen Brocken kommt eins immer mehr zum Vorschein: Deine ureigene Kraft.

Ich kenne das nur zu genau. Denn eigentlich würde ich gerne an den guten Dingen in meinem Leben festhalten und genau so weitermachen. Aber ich habe ja beschlossen noch mal einen Schritt in meinem Leben zu machen und neu anzufangen. Dieser Neuanfang wird jetzt aber durch die Ereignisse in den letzten Monaten einfach auf den Kopf gestellt und es ist auf einmal alles anders, wie ich es so schön geplant hatte. Aber das gehört zu meinem Wachstum scheinbar dazu und ich lasse mich auf diese neuen Dinge ein. Die Angst vor der Zukunft und der neuen Verantwortung, die neue Umgebung und das neue Land – all das beschäftigt mich im Augenblick und macht mir Angst. Doch genau diese Angst zeigt mir, dass ich alles richtig mache.

Alles, was ist, vergeht. Auch die Angst. Alles, was wird, vergeht. Jeder Moment ist schon im nächsten unwiederbringlich fort, nicht mehr greifbar, nicht zu kopieren. Lass dich drauf ein. Alles verändert sich. Je mehr wir den ständigen Wandel akzeptieren und ihm ins Gesicht sehen, je weniger wir den Blick abwenden, desto leichter wird das Leben. Wir können diese Wahrheit feiern. Wir sind frei. Mehr noch: Sie erinnert uns auch an die Kostbarkeit von allem, was uns lieb ist. Unsere Gesundheit, das Lächeln des Kindes, die Massage des Partners, unsere Jobs, den Sonnenschein, die Sterne am Himmel.

Leben heißt leiden, sagen die Buddhisten. Denn wir Menschen wollen festhalten, was nicht festzuhalten ist. Haften an materiellen Dingen ebenso an wie an unseren Erwartungen und guten Gefühlen. Weil alles fließt, stehen wir früher oder später wieder mit leeren Händen da (und sogar unsere leeren Hände sind natürlich irgendwann Staub). Je mehr wir uns gegen diesen Fakt wehren und je mehr wir die schmerzhaften Gefühle vermeiden verdrängen wollen, die damit einhergehen … desto mehr haben sie uns in ihrer Gewalt.

Oft erleben wir es als Scheitern, wenn das Leben von unseren Erwartungen abweicht oder wir Schmerz erfahren. Als würden wir es einfach nicht gebacken bekommen. Als wären wir nicht gut genug. Dabei ist das Leiden nun mal ein Teil des Lebens. Es gibt kein dauerhaft „perfektes“ Leben. Für niemanden von uns. Wir können das Leben, wie es angeblich sein sollte, loslassen … und das Leben umarmen, was wir haben. Immer wieder, in kleinen Schritten.

Wir können uns verändern, an jedem Ort, zu jeder Zeit. Uns weiterentwickeln, vergeben, gelassener werden, dankbarer, stärker, uns neu erfinden. So werden wir frei von dem, was die Gedanken uns über uns und unsere Grenzen erzählen wollen. Wir können mehr auf das hören, was gerade stimmig ist für uns. Wir können eintreten in den Fluss … und uns tragen lassen.

Aber es gibt Dinge im Leben, die können wir nicht ändern. Wenn die Beziehung nicht nur in Scherben liegt, sondern in Millionen kleiner, gefährlich scharfer Splitter, die sich nie wieder zusammenkleben lassen. Wenn der Hund tot ist (vielleicht erstickt in der Handtasche), der Job verloren, die schwere Krankheit oder die ungewollte Schwangerschaft da ist… dann gibt es kein Zurück mehr. Sondern nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder wir bleiben stehen am Grab der Vergangenheit. Oder wir gehen weiter, sobald wir soweit sind, und schreiben die nächsten Kapitel unserer Zeit hier auf der Erde.

Für die erste Möglichkeit brauchen wir … nun ja, möglichst viel Mitgefühl und Verständnis von außen. Für die zweite Möglichkeit eine neue Einstellung. Eine, die uns neue Gedanken ins Hirn pflanzt, neue Augen in den Kopf und neuen Mut ins Herz. Eine andere Einstellung, ja, gern, aber wie?

Eingestehen, dass es uns nicht gut geht. Der erste Schritt ist immer, den Kampf gegen die Realität aufzugeben. Auszusteigen aus dem Kreislauf des Wünschens, dass es anders sei als es ist, „wieder gut“ sei. Stattdessen das Eingeständnis: Zunächst mal ist es einfach nur beschissen. Die Situation ist beschissen, wir fühlen uns beschissen und hier und jetzt sieht alles so beschissen aus, als hätte eine 30 Meter große Kuh vor die Füße gekackt (oder auf uns drauf).

Diese Phase des Zulassens – so schwer das auch ist – lässt sich genauso wenig überspringen wie der riesige braune Haufen der Kuh. Alle Versuche in diese Richtung werden uns nur noch tiefer reinreiten. Denken wir an das, was der buddhistische Lehrer Jack Kornfield sagte: „Die Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loslassen bedeutet, dass man sie sein lässt.“ Ja, da ist Schmerz. Ja, da ist Traurigkeit. Ja, da ist Verzweiflung und Angst und Einsamkeit. Und nein, was passiert ist, wird nicht ungeschehen.

Verantwortung übernehmen. Der stoische Philosoph Epiktet sagte vor knapp 2.000 Jahren: „Wir Menschen werden nicht gestört oder zerstört von den Dingen, die uns wiederfahren. Sondern von unseren Gedanken und Meinungen über diese Dinge. Wenn wir wütend sind, ängstlich, enttäuscht oder traurig, lass uns das nicht anderen oder der Situation zuschreiben, sondern uns selbst, das heißt: unseren Gedanken und Meinungen.“

Die moderne Wissenschaft bestätigt das. Der US-amerikanische Psychologe und Vorreiter der kognitiven Psychotherapien Dr. Albert Ellis, konnte zeigen, dass die Reaktion von Menschen auf Ereignisse zu einem großen Teil von ihren Einstellungen bestimmt wird. Von ihrer Sicht auf das Ereignis, nicht vom Ereignis selbst. Das macht sie glücklich oder unglücklich, lässt sie wackeln, zusammenbrechen oder widerstandsfähig sein.

Im zweiten Schritt können (und sollten) wir also die volle Verantwortung für uns und unser Leben übernehmen. Beginnend bei unserer Einstellung. Die ist nämlich nichts Angeborenes, kein lebenslängliches Urteil und wir können sie trainieren. Die wenigsten Situationen sind schließlich nur schlecht. Es ist an uns, das Gute daran zu finden. Das bringt uns zum nächsten Punkt.

Fragen sind die Antwort. Unser Gehirn ist wie Google. Was wir fragen bestimmt, welche Antworten wir bekommen. Fragen lenken unseren Geist, sind wie Weichen an Schienen, die uns entweder weiter und weiter ins Unglück führen … oder in die Freiheit.

Hilfreiche Fragen sind: Was ist gut an dieser Situation? Wenn Dir nichts einfällt: Was könnte ich gut daran finden, wenn ich irgendwas gut daran finden müsste? Was kann ich aus dieser Erfahrung lernen? Wie kann ich sie nutzen für eine bessere Zukunft? Kann ich wirklich wissen, dass es wahr ist? Diese Frage kann schädlichen und unangemessenen Gedanken die Macht entziehen. Zum Beispiel „Ich werde nie wieder glücklich sein!“ oder „Was passiert ist, ist bestimmt nur eine Strafe, die ich verdient habe!“ oder „Immer ziehe ich das Pech an!“ … Wenn wir ehrlich sind, können wir gar nicht wissen, ob das stimmt. Klar ist nur, dass uns so zu denken nicht unterstützt. Was kann ich mir heute Gutes tun? Und, ganz besonders, die Übermutter aller guten Fragen: Wofür bin ich dankbar?

Diese Frage wirkt nachweislich wie ein Antidepressivum. Das haben Hirnscans an der University of California, Los Angeles (UCLA) gezeigt: „Dankbarkeit beeinflusst unser Hirn auf einer biologischen Ebene. Zuerst aktiviert Dankbarkeit – wie ein Antidepressivum – die Region im Hirn, die den Neurotransmitter Dopamin produziert, der daraufhin ausgeschüttet wird. Umso mehr, wenn wir für andere Menschen und ihr Verhalten dankbar sind, das regt nämlich die speziellen sozialen Dopamin-Kreisläufe an. Weiterhin regt die Frage – ebenfalls wie ein Antidepressivum – jene Hirnregion an, die den Neurotransmitter Serotonin produziert. Beides zusammen hebt unsere Stimmung mitunter sehr deutlich.“ Francis Bacon brachte es auf den Punkt: „Es sind nicht die Glücklichen, die dankbar sind. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“

Positive Wörter wählen. Ich bin kein Fan von zwanghaftem „positivem Denken“ und glaube nicht, dass wir uns per „Gesetz der Anziehung“ alles beim Universum bestellen können. So schön das vielleicht auch wäre. Aber: Positiv zu sein kann uns durchaus helfen.

Nutzen wir positiv besetzte Wörter wie „Liebe“ und „Frieden“, können wir Einfluss darauf nehmen, wie unser Gehirn funktioniert, indem wir damit Areale im Frontallappen stärken und so unser logisches Denken verbessern. „Durch intensives Wiederholen positiver Worte, positiver innerer Bilder und Gefühle können sogar jene, die genetisch eher zum Unglücklichsein neigen, ihr Gehirn neu strukturieren und eine optimistischere Einstellung zum Leben gewinnen.“

Das muss überhaupt nicht immer gelingen. Jedes Mal, wo wir einen negativen, wenig konstruktiven Gedanken wahrnehmen, ihn hinterfragen und gegen einen hilfreichen austauschen, ist das eine wertvolle Sache. Mario Andretti war einer der erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten. In einem Interview fragte man ihn, welchen wichtigsten Rat er angehenden Fahrern geben würde.

Seine Antwort: „Wenn du von der Straße abkommst, schaue nicht auf die Wand oder du rauschst voll hinein. Richte deinen Blick gleich wieder auf die Straße. Dein Auto fährt, wohin du schaust.“ Der Fahrer weiß, dass die Wand da ist. Er tut nicht so, als wäre nichts. Aber mit dem Wissen um das Problem richtet er seinen Blick so schnell wie möglich wieder auf das Ziel, auf den Ort, wo er hin will.

Was passiert, wenn man das nicht macht, zeigen Statistiken aus den USA. Dort gibt es auf den Highways unverhältnismäßig viele tödliche Zusammenstöße mit Telefonmasten. Obwohl diese nur in sehr großen Abständen stehen und dazwischen gar nichts ist als Weite … also auch keine Gefahr des Zusammenstoßes. Doch beim Abkommen von der Straße werden die Leute panisch. Sie konzentrieren sich auf die Masten und rasen direkt in sie hinein.

Dasselbe gilt für viele Schwierigkeiten in unserem Leben. Wir konzentrieren uns oft zu sehr auf das Problem und machen es damit größer. Ich denke da an die Sorgen und Ängste, die winzig begannen und zu Riesen wurden, wenn ich sie nur lange genug in Gedanken wälzte. Oder an die selbsterfüllenden Prophezeiungen, die allein deshalb eintraten, weil ich mit ihnen rechnete. An die vielen Male, in denen ich so um ein Problem kreiste, dass ich in meiner Verzweiflung gar keine Kraft mehr übrig hatte für die Lösung. Und an all das Gute, was ich nicht mehr sehen konnte, weil das Schwierige es in meinem Geist abdeckte wie eine große, kackbraune Plane.

Was ich lernen möchte? Meinen Kopf etwas eher zu drehen. Und an das zu denken, was aus der alten hawaiianischen Huna-Philosophie schon seit Ewigkeiten bekannt ist: Die Energie folgt der Aufmerksamkeit.

Erinnern wir uns daran, wenn wir mal wieder tüchtig herausgefordert werden: „Leben ist 10%, was passiert, und 90%, wie wir damit umgehen.“ Nicht alles, aber doch eine ganze Menge haben wir in der Hand.

Deshalb sieh nach vorn, hab Spaß und lass dich drauf ein.

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