Statt harter Worte – Vergebung

Vergebung ist eins der am meisten unterschätzten und falsch verstandenen Themen überhaupt. Es ist weder lahm noch langweilig, sondern eine absolut effektive und mächtige Waffe, die negative Einflüsse aus dem Leben für immer entfernt, und einen am Ende als Gewinner dastehen lässt.

Vergebung betrifft jeden. Die Welt ist böse, den Teufel gibt’s. Es ist nicht alles Liebe, und wer das behautet, hängt einer romantisierten Wunschvorstellung nach. Denn es gibt Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen oder verlassen. Es gibt Partner, die betrügen, verletzen und misshandeln. Es gibt Freunde, die verleumden und das Vertrauen missbrauchen. Es gibt Menschen, die Böses tun, um anderen Schaden zuzufügen, manche unbewusst, manche mit voller Absicht. Und höchstwahrscheinlich hat jeder etwas davon schon mal erlebt. Und es wird wieder passieren, so sehr man sich das Gegenteil auch wünschen würde.

Solche Erfahrungen sind nicht nur enorm schmerzhaft im Augenblick, sondern haben oft Konsequenzen, die weit in die Zukunft hineinreichen.
Manche böse Handlung tut nicht nur momentan weh, sondern hinterlässt tiefe Wunden. Manche Verletzung bewirkt konkrete Veränderungen im Leben. Machmal entsteht tatsächlicher Schaden, der Auswirkungen auf das gesamte Leben hat, sei es familiär, sei es finanziell, sei es umständemäßig, beziehungstechnisch: so richtig konkret praktisch. Weit über das Weinen und das gebrochene Vertrauen hinaus muss man eventuell mit großen Lebensveränderungen zurecht kommen – und das nicht, weil man es so entschieden hat und so wollte, sondern weil die böse Handlung von jemand anderem einem keine Wahl lässt.

Das ist dann ganz besonders ungerecht, und schreit geradezu nach Vergeltung. Das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist in jedem tief ausgeprägt, und damit es nicht mehr so weh tut, würden wir am liebsten dem anderen Schmerz zufügen, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Oder ihm zumindest für den Rest unseres Lebens hassen, wenn man es ihm schon nicht direkt heimzahlen kann. Die Verletzung tut immer weh, ganz egal, wie lange sie her ist – manchmal verdrängt man sie, und erlebt sie mit einer ungeahnten Heftigkeit bei einem Aufeinandertreffen oder ähnlichem Erlebnis.

Der Vorwurf, der Schmerz, die Wut, der Hass sind ständige Begleiter – bis hin zur vollkommen Verbitterung und negativen Persönlichkeitsveränderung.

Vergebung ist die einzige Option. Denn Vergebung hat nichts mit der anderen Person, sondern nur mit dir selbst zu tun. Die andere Person war böse – das war ihr Part. Darüber hast man keine Kontrolle, aber über das eigene Leben. Wenn man der Person nicht bewusst vergibt, wird ein Teil dieser zerstörerischen, verletzenden Energie für immer ein Teil bleiben. Man erlaubt, dass dieser Schmerz einen Raum in seinem Herzen, seinen Gefühlen und seinem Körper bekommt. Und dieser Schmerz richtet Schaden an.

Eine Verletzung und die darauf folgende Unvergebenheit ist immer eine Öffnung für eine zerstörerische Energie – bzw. der Versuch, durch diese Zerstörung sein Leben für immer negativ zu prägen. Es ist wie eine Tür, durch die negative Gedanken und Gefühle ungefragt rein und rausspazieren werden. Und diese Gedanken und Gefühle werden einen quälen, einem das Leben schwer machen, wichtige, zukünftige Entscheidungen negativ beeinflußen und werden einen niemals freiwillig verlassen. Dafür ist der Einfluß auf das Leben viel zu effektiv. Unvergebenheit ist das Tool schlechthin, um einen fertig zu machen. Und zwar nicht ein mal, sondern dauerhaft.

Das Eine ist, was einem passiert ist – das war schlimm, keine Frage.
Das Andere ist, was Unvergebenheit anrichtet – das ist absolut zerstörerisch und hochgefährlich. Eine Verletzung, die über eine lange Zeit nicht vergeben wird, verwandelt sich in Bitterkeit. Bitterkeit ist ein Gefängnis, welches nicht nur emotionale, sondern konkrete körperliche Folgen hat: Schlafstörungen, Magen-Darmprobleme, Essstörungen, usw.

Vergebung ist pure Machtausübung. „Das verzeihe ich dir NIE.“ klingt so überlegen und so hart. Dabei hat der Teufel genau das erreicht, was er wollte: er hat dauerhaft seinen widerlichen Samen in einen hineingeplatzt, der einen nach und nach von innen vergiften wird. Er wird einem die ganze innere Schönheit und seine Leichtigkeit rauben, die Unbeschwertheit und das Glück trüben. Man wird dann immer diejenige sein, dem übel mitgespielt wurde, dem Schlimmes wiederfahren ist, der belogen und betrogen wurde.

Unvergebenheit ist Ohnmacht. Vergebung ist bewusstes Handeln. Vergebung ist ein nicht zulassen, dass der Giftpfeil ins Ziel trifft – schlimm genug, dass er abgeschossen wurde. Zu verzeihen, heißt nicht, dass man das, was passiert ist, legitimiert oder abschwächt. Es heißt nur, dass man auf sein Recht auf Vergeltung und Wiedergutmachung und Nachtragen verzichtest, um des eigenen Glückes willen. Nicht wegen der anderen Person, wegen einem selbst.

Wenn man vergibt, lässt man nicht zu, dass diese Enttäuschung/Verletzung einen Tag länger die Gedanken und Gefühle vergiftet, die Persönlichkeit zerstört und einen fertig macht. Wenn man vergibt, nimmst man der Waffe, die auf einen abgefeuert wurde, die Munition. Vielmehr richtest man zielsicher die Waffe gegen den Teufel, indem man sagt: „Schau an: Es war dazu gedacht, dass ich eine gebrochene, verletzte und verbitterte Person werde. Aber ich vergebe. Du kannst mir gar nichts.“

Wenn man der Person, die einen so verletzt hat, und einem so viel Böses zugefügt hat, vergibt, wird diese Situation keine negativen Auswirkungen auf die eigene Persönlichkeit haben.

Vergebung hat nichts damit zu tun, dass man den Schmerz nicht mehr fühlt. Keine Verletzung wird mit der Zeit einfach so schwächer, darauf kann man lange warten. Sie wird höchstens nicht mehr so präsent, kann aber ihre zerstörerische Wirkung ungeachtet weiter entfalten.

Vergebung ist eine Entscheidung. Absolut freiwillig. Niemals unter Zwang.
Ja, Vergebung kostet vielleicht Überwindung, aber Unvergebenheit kostet einen sein Leben. Man erkennt, was hinter den Kulissen (= im Herzen) passiert, übernimmt man Verantwortung für sein Leben. Das ist eine der mächtigsten und weitreichendsten Entscheidungen, die man jemals für sein Leben treffen kann. Der Schmerz wird dann ganz von alleine verschwinden. Und nie mehr wiederkommen

Natürlich fällt es einem emotional leichter, loszulassen, wenn der Schuldige das, was er einem angetan hat, bereut und das zum Ausdruck bringt. Aber darauf sollte man nicht warten. Die Entscheidung, der Person die Schuld innerlich zu erlassen, hat nichts mit ihrem Verhalten und alles mit der eigenen, inneren Gesundheit zu tun.

Entweder du hältst es der Person vor, lebst mit den Konsequenzen, die das dann jahrelang für einen hat, und räumt der Person daraufhin ganz schön viel Macht über sein Leben ein. Oder man verzeiht für immer, und übt damit selbst Macht aus. Zu Vergeben heißt nicht, dass man weiterhin Umgang mit der Person hat oder sie jemals wiedersehen muss. Vor allem nicht, wenn keine Änderung ihrerseits in Sicht ist – das würde bedeuten, sich immer und immer wieder erneut den Verletzungen auszusetzen. Das wäre das Dümmste überhaupt. Allerdings ist Vergebung so mächtig, dass theoretisch ein erneuter Umgang jederzeit möglich wäre – das macht aber tatsächlich nur Sinn, wenn sich derjenige wirklich geändert hat.

Man kannt sich von Menschen trennen und ihnen trotzdem vergeben haben. Das hat etwas mit Selbstwürde und Selbstrespekt zu tun. Oft genug ist erst eine Verletzung der ausschlaggebende Grund zu einer Trennung, die eigentlich schon längst fällig war. Wenn man jetzt noch der Person vergibt, wird man sehen, dass es einen in Wahrheit weiter gebracht hat, statt zurückgeworfen.

Man sollte nicht warten, sondern sofort handeln. Auf der Stelle. Jeder Tag ohne dieses Gift ist ein Gewinn für einen. Und dann bleibt man dabei. Und schickt vehement alles weg, was einem erneut erklären will, warum es doch so schlimm war, und man jedes Recht auf’s Verletztsein hat. Vergebung ist pure Heilung, echte Machtausübung, die Befreiung aus dem inneren Gefängnis. Vergebung ist Größe und Stärke.

Du schaffst das.